Coates, Darcy – Der Fluch von Carrow House [Rezension]

Eine sanfte, graue Schicht bedeckt alles; den Boden, die Möbel, ja selbst den enormen Kronleuchter, welcher das Foyer in ein schummriges Licht taucht. Der Staub kitzelt in deiner Nase, als du den muffigen Geruch des alten Gemäuers einatmest. Carrow House ist das berühmteste Spukhaus des Bundesstaates. Adrenalin lässt deine Haut prickeln, als das schwere Eingangsportal hinter dir ins Schloss fällt.
Wirst du die Nacht überleben?

Übersicht

Titel: Der Fluch von Carrow House
Originaltitel: The Carrow Haunt
Autor: Darcy Coates
Reihe: Nein
Verlag: Festa
Seiten: 416 Seiten
Format: Paperback, E-Book
Preis: 14,99€, 4,99€
ISBN: 978-3-86552-776-9

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Remy arbeitet als Tourguide in Carrow House. Sie führt Menschen durch das berüchtigte Spukhaus und erzählt ihnen von den Geschehnissen, die sich einst in diesen Mauern zutrugen.
Als eine Reisegruppe für eine ganze Woche einen Aufenthalt bucht, um die unheimlichen Phänomene zu untersuchen, hofft Remy, selbst endlich einige zu erleben. Und tatsächlich: Nach einer Séance nimmt die paranormale Energie so weit zu, dass Fenster zerbrechen und gespenstische Erscheinungen durch die Flure schreiten.
Dann stirbt einer der Gäste und Remy zieht die Möglichkeit in Betracht, dass der Geist des einstigen Eigentümers noch in den Hallen weilt: John Carrow. Und der war ein irrer Serienmörder …

Ein absolutes Muss für Schauerliteratur-Fans

Eines vorweg: Der Fluch von Carrow House war das erste Buch seit zwei Jahren, das ich in wenigen Tagen durchgesuchtet habe. Und es war wirklich auf dem besten Wege, eines meiner Jahres-Highlights zu werden, denn Carrow House besticht durch einen unheimlich atmosphärischen Schreibstil, der einen wunderbar in die Geschehnisse eintauchen lässt und regelrechte Gemälde im Kopf enstehen lässt. Als Einstieg hat Darcy Coates eine von Remys Führungen gewählt, wodurch sie geschickt ein Info-Dumping an späteren Stellen des Buches umgeht und den Leser nicht nur das Haus in all seinen Facetten vorstellt, sondern auch Remys Alltag zeigt. Spätestens nach dieser Führung wird jeder Geisterhaus-Fan hin und weg sein – und der Rest wird immerhin sehr gespannt auf die folgende ‘Mission’ sein.

Eine Sache, die mir jedoch von Anfang bis Ende negativ aufgefallen ist, war die Übersetzung der Anrede. Denn obwohl die Charaktere sehr locker miteinander umgehen und fast ausschließlich Vornamen genutzt worden, hat sich der Übersetzer dazu entschieden, bis zum bitteren Ende ein förmliches Siezen durchzuziehen. Ich verstehe, dass es nicht immer leicht ist, die richtige Anrede bei einer Übersetzung ins Deutsche zu finden – aber wenn im Buch von ‘meine Freunde’ die Rede ist und die Gruppe wirklich eng zusammenwächst, ihr Leben füreinander riskiert, dann kommt es doch reichlich komisch, dass die Kumpels mit einem förmlichen Sie angesprochen werden. Gerade als junge Frau, die fast immer und überall das Du angeboten bekommt, hat sich mir diese aufgezwungene Förmlichkeit nicht erschlossen.

Ein Wort zu den Charakteren

Und wo ich es gerade von der Gruppe hatte – die war wirklich großartig und bunt durchgemischt. Neben der Protagonistin Remy, die ein wenig überfürsorglich und sehr empathisch ist, finden sich nämlich viele verschiedene Charaktertypen an: vom erfahrenen Medium und dessen menschenscheuen, scharfzüngigen Assistenten über den Geisterjagd-Youtuber(kein Witz!) bis hin zur faszinierten Teenagerin und deren genervter, ungläubiger Gouvernante ist dabei echt alles vertreten. Somit prallen nicht nur verschiedene Wesenszüge aufeinander, sondern auch unterschiedliche Herangehensweisen. Dabei ist Streit natürlich vorprogrammiert, doch Miss Coates schafft es, diese Streitereien nicht nervig wirken zu lassen, sondern viel mehr sie interessant in die Geschichte einzuweben und den Leser damit mehr und mehr Bindung zu jedem einzelnen Charakter aufbauen zu lassen, selbst denen, die einem zuerst nicht wirklich gefallen haben.

Gerade zu dem geradezu verbittert wirkendem Assistenten Bernard, der seit Jahren für das Medium Marjorie arbeitet, habe ich im Laufe der Geschichte eine richtige Liebe aufgebaut, obwohl ich am Anfang ständig die Augen über ihn verdreht habe. Im Gegensatz dazu war April, die 17-jährige Besitzerin des Carrow House, für mich von Anfang bis Ende absolut herrlich zu lesen. In ihr erkenne ich mich teilweise sogar etwas wieder, denn mit 17 war ich nicht großartig anders – abgesehen davon, dass ich leider kein Multimilliarden-Erbe auf mich warten hatte.

Langsam geht es los…

Insgesamt startet die Mission, zwei Wochen lang in Carrow House die Geister zu erforschen, mit acht Personen, doch natürlich währt der Frieden nicht lange und schon bald verstirbt der erste Teilnehmer – und ab da nimmt die Story rasant an Fahrt auf. Plötzlich überschlagen sich die Ereignisse und man (oder wenigstens ich) kommt gar nicht mehr dazu, das Buch aus der Hand zu legen. Mehr und mehr verschiebt sich das Ziel der kleinen Gruppe von ‘erforschen’ zu ‘überleben’, denn Carrow House und seine Geister haben es in sich. Und während Remy, Marjorie und der Rest noch versuchen, die Lage zu verstehen, wird einer nach dem anderen von den Geistern attackiert.

Die Umgebung und auch das Haus selber werden dabei noch intensiver beleuchtet und erzeugen eine herrlich gruselige Atmosphäre. Hatte man zuvor das Gefühl, dass man Carrow House bereits kennengelernt hat, wird man nun eines besseren belehrt. Und ganz nebenbei entwickelt sich auch noch eine kleine Romanze, zart und langsam, was mich jedoch überraschenderweise nicht einmal gestört hat, obwohl ich eigentlich ein totaler Romantik-Backstein bin. Doch irgendwie passt es in die Geschichte, selbst wenn es ein wenig aufgesetzt wirkt.

… und dann kam das Crescendo

Und für mich, leider, eine kleine Enttäuschung.  Zwar ist die Auflösung am Ende durchaus raffiniert und gut inszeniert, doch als #Horrorbabe fehlte mir die Blutrünstigkeit. Obwohl alles einen Sinn ergibt und der Abschluss des Buches wirklich gut gelungen ist, hindert das Ende mich daran, Der Fluch von Carrow House als ein Jahres-Highlight zu bezeichnen. Nicht nur, dass mir der Horror-Faktor fehlte, auch Remys Charakter ging mir auf den letzten Seiten zunehmend auf den Keks. Ohne hier irgendwas zu spoilern: Es war für mich einfach zu viel des Guten.
Doch selbst das kann ich Darcy Coates verzeihen, das Buch bleibt wirklich klasse.

Fazit

Mit Der Fluch von Carrow House wird sich absolut jeder gut unterhalten fühlen, der Fan von Spukhäusern, Shirley Jackson, atmosphärischem Horror und Grusel-Literatur ist. Festa hat sich hier ein wirklich großartiges Buch von Darcy Coates ausgesucht, das nicht nur mit der Handlung, sondern auch der Charakter-Truppe überzeugt und das einen mitnimmt auf einen wilden Ritt, der jedoch keinesfalls die Stimmung trüben wird. Ich würde es fast als ein Wohlfühl-Buch des Schauerliteratur-Genres bezeichnen. Mit genau der richtigen Menge Blut vergießen, Grusel und Spannung ist Der Fluch von Carrow House ein wunderbarer Einstieg für jeden, der interessiert an Schauerromanen ist. Von mir gibt es eine klare Empfehlung, volle Punktzahl, ein wirklich großartiges Buch und nur haarscharf vorbeigeschlittert am Jahres-Highlight.

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