Ancrum, Kayla – Wicker King [Rezension]

Interessantes Buch gekauft, persönliches Jahreshighlight gefunden. Als ich Wicker King in der dtv-Vorschau entdeckt habe, hat mich der Klappentext wahnsinnig neugierig gemacht. Ich lese selten Young Adult, aber wenn da eine psychologische Komponente ins Spiel kommt, dann greife ich doch mal gerne zu. Und es hat sich gelohnt – mein Gott – es hat sich gelohnt.

Übersicht:

Titel: Wicker King
Autorin: Kayla Ancrum
Reihe: Nein.
Verlag: dtv
Seiten: 320
Format: eBook & Hardcover
Preis: 14,99€ & 16,95€
ISBN: 978-3-423-76233-5

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Lass dich mitnehmen in die Welt von Jack und August! Aber gibt es sie wirklich?
Ein Brand in einer alten Lagerhalle. Am Tatort zwei Siebzehnjährige, einer davon (der vermutliche Brandstifter) mit Verbrennungen, die beide in die Psychiatrie eingeliefert werden. Einige Monate zuvor: In der Schule hängen August und Jack mit völlig verschiedenen Typen rum, privat verbindet die beiden aber seit Langem eine intensive Freundschaft. Doch Jack, Vorzeigeschüler, Spitzensportler, Mädchenschwarm, entwickelt immer stärkere Halluzinationen und driftet mehr und mehr in eine Fantasiewelt ab. In dieser ist er der König, der »Wicker King«, und August ist sein Ritter. Um Jack nah zu bleiben und zu verhindern, dass dieser sich endgültig in seiner Scheinwelt verliert, lässt sich August auf das Spiel ein: Er begibt sich gemeinsam mit Jack in dessen Fantasiewelt hinein und steuert sie beide damit genau auf die Katastrophe zu, die er verhindern wollte.

Buchsatz 1+

Es ist etwas ungewöhnlich eine Rezension mit so etwas plumpen wie dem Buchsatz zu beginnen, aber es war das Erste, das mir beim Hardcover aufgefallen ist. Neben einzelnen Seiten mit Bildern zu den Mixtapes der einzelnen Charaktere, Zetteln oder relevante “Belege” aus der Geschichte, die einem einen alternativen Einblick in die Welt verschaffen, ändert sich auch im Laufe des Lesens die Farbe der Seiten.

Mit Jacks zunehmender Entfremdung in seine Fantasiewelt, werden die Seiten immer dunkler. Zunächst mit grauen Flecken an den Rändern, bis am Ende die Seiten vollständig schwarz sind. Eine geniale Idee, die das Buch zu einem richtigen Schatz macht, bei dem sich das Printvoll und ganz lohnt.

Die Geschichte

… ist ebenso ungewöhnlich aufgebaut wie der Buchsatz. Die Geschichte rund um August (aus dessen Sicht in dritter Person erzählt wird) und Jack wird weniger in Kapiteln, als in einzelnen Szenen dargestellt, von denen die wenigsten länger als eine Seite dauern. Stellenweise gibt es dem ganzen mehr die Anmutung eines Portraits als einer zusammenhängenden Geschichte, doch ich fand es tatsächlich angenehm etwas in der Art zu lesen.

Denn trotz dieses punktuellen Erzählstils erhalten wir eine detaillierte, lebendige Geschichte, in der alle Charaktere ein Gesicht haben und die mich vom Anfang bis zum Schluss begeistern konnte. Durch die Kürze der Kapitel muss man aber dringend aufpassen, dass man sehr genau liest und nicht mal eine Passage kurz überfliegt.

Viel gibt es zur Story selbst übrigens nicht zu sagen, das Wichtigste steht bereits im Klappentext und alles weitere wäre tatsächlich bereits ein Spoiler. Der Verlauf der Geschichte ist spannend,  mitreißend und absolut unberechenbar. Stellenweise war ich so vertieft in die Handlung, das es mir wie Jack manchmal schwer fiel die Realität und Fantasiewelt auseinander zu halten.

Charaktere

Ich liebe sie. Alle. Ausnahmslos. Irgendwie schafft es die Autorin trotz der kurzen Szene jedem einzelnen Charakter ein Gesicht zu verleihen, eine Geschichte und eine Persönlichkeit und obwohl man die Gruppe rund um August getrost als abgefuckt bezeichnen kann, habe ich sie doch ins Herz geschlossen.

Aber von Vorne. Wir haben August, unseren Protagonisten, der aufgrund seiner depressiven Mutter vollkommen auf sich allein gestellt ist, und durchs Dealen die Familienkasse irgendwie über Wasser halten muss. Er ist eher der Außenseiter und gibt sich Mühe nach Außen hin nichts von den schlechten Verhältnissen, aus denen er stammt, durchschimmern zu lassen.

Jack, sein bester Freund, ist auf den ersten Blick der typische Sportler. Hängt mit den coolen Kids rum, hat eine hübsche, barbiehafte Freundin und erfreut sich allgemein großer Beliebtheit. Außer August weiß zunächst niemand darüber Bescheid, dass er buchstäblich allein lebt, weil seine Eltern ständig im Ausland sind.

Neben diesen beiden und ihrer absolut außergewöhnlichen, bedingungslosen Freundschaft, gibt es außerdem noch einige interessante Nebencharaktere. Rina, eine Kellnerin und ehemalige Mitschülerin, die den beiden eine Art Zuflucht bietet. Alex, Gordie und die Zwillinge – Augusts Gruppe – von denen ich jeden einzelnen ins Herz schließen konnte. Vor allem die Zwillinge, die auf den ersten Blick den Eindruck machen, sie wären psychopatische Schwerverbrecher, bis man sie schließlich näher kennenlernt.

Die Moral

Ich lese selten die Nachwörter zu Büchern, aber da mich das Ende derart zu Tränen gerührt hat (was sehr selten vorkommt), wollte ich es hier nicht auslassen.

Kayla Ancrum hat keine klassische Geschichte erschaffen sondern mehr ein Porträt (wieso ich verstehen kann, dass dieses Buch nicht jedermanns Fall sein wird) und Wicker King ist ein Buch, in dem es um den Umgang mit Depression und Vernachlässigung geht. In ihrer ungewöhnlichen Erzählweise zeigt die Autorinauf, wie sich junge Menschen, die unter diesen Problemen leiden, in ihrer Verzweiflung selbst helfen.

Die Beziehung, die August und Jack zueinander aufbauen, ist nicht die gesündeste – viele Probleme hätten gelöst werden können, indem sich einer der beiden an einen Erwachsenen gewendet hätten – doch sie ist in Anbetracht der Umstände nachvollziehbar, mitreißend und absolut berührend.

Fazit

Wicker King ist ein absolut mitreißendes Porträt zweier Jugendlicher, die in der echten Welt mit Vernachlässigung und Depression zu kämpfen haben. Die authentischen Charaktere und die ungewöhnliche Erzählweise haben die Seiten nur so dahinfliegen lassen und mich als Leser selbst in Jacks Fantasiewelt gezogen. Eine Geschichte, die nicht nur berührt, sondern auch zum Nachdenken anregt, allerdings aufgrund des kurzen szenischen Erzählens nicht Jedermanns Fall sein wird.

Meiner war’s definitiv. Ein absolutes Highlight für mich!

 

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