Kneidl, Laura – Someone New [Rezension]

Übersicht:

Titel: Someone New
Autorin: Laura Kneidl
Reihe: Ja.
Verlag: Lyx
Seiten: 534
Format: eBook, Taschenbuch, (limitierte Hardcoverauflage)
Preis: 9,99€ & 12,90€
ISBN: 978-3-95991-771-1

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Ich mache mir ständig Gedanken darum, was andere Menschen von mir denken. Wen sie in mir sehen. Aber nicht bei dir. Bei dir kann ich ganz ich selbst sein.
Als Micah auf ihren neuen Nachbarn trifft, kann sie es nicht glauben: Es ist ausgerechnet Julian, der wenige Wochen zuvor ihretwegen seinen Job verloren hat. Micah fühlt sich schrecklich, vor allem, weil Julian kühl und abweisend zu ihr ist und ihr nicht mal die Gelegenheit gibt, sich zu entschuldigen. Doch gleichzeitig fasziniert Micah seine undurchdringliche Art, und sie will ihn unbedingt näher kennenlernen. Dabei findet sie heraus, dass Julian nicht nur sie, sondern alle Menschen auf Abstand hält. Denn er hat ein Geheimnis, das die Art, wie sie ihn sieht, für immer verändern könnte …

Rezension

Oh oh … wer mir auf Instagram folgt, der weiß bereits, dass ich zu den Lesern dieses Buches gehören, die sich dem Hype so gar nicht anschließend können. Bevor ich euch allerdings genau aufstückle, wieso Someone New mich derart wütend und genervt zurückgelassen hat, dass ich die vergeudete Lebenszeit wieder zurück möchte, ein kleines Vorwort.

New Adult und ich

Ich gebe zu, dass NA als Genre nicht wirklich meins ist – weshalb sich für einige Fans der Bücher einige meiner Aussagen vielleicht relativieren. Ich bin damals mit Shades of Grey eingestiegen und ja, was soll ich sagen, Enttäuschung pur. Oberflächlich, langweilig und eine teilweise grotesk falsche Darstellung von BDSM haben mich nachhaltig abgeschreckt. Seither ist New Adult für mich mehr so ein “Soft Erotik” Genre und wenn ich mir die meisten Klappentexte anschaue, fühle ich mich dadurch nur bestätigt.

Entsprechend hatte ich bei Someone New sehr große Hoffnungen. “Wichtige Themen“, tönten die ersten Rezensionen. “Muss man unbedingt lesen! Wichtig!” – wer in den letzten Wochen auf Instagram unterwegs war, darf hier einmal zustimmend nicken. Man konnte sich diesem Buch nicht entziehen und von eben diesem angepriesenen Tiefgang, wurde auch ich gelockt, zum Buch zu greifen.

Die Special Edition

Vom Paket ging es tatsächlich gleich auf den Nachttisch zum Lesen. Und hier ein großes Aw: Die Special Edition ist der Wahnsinn! Toller Einband, Illustrationen und Signierung – da kann das Sammlerherz nicht meckern und ich wünsche mir, dass manche Verlage so etwas öfter bringen würden. Also 1+ für die Aufmachung.

Das Referenz-Problem

Den ersten Stolperstein fand ich gleich zu Anfang, nämlich mit der Protagonistin selbst oder vielmehr ihrer Leidenschaft: Comics, Manga, Grafiknovels – aber vor allem, was gerade so in ist. Ich verstehe nicht, was aktuell mit gerade deutschen Autoren los ist, dass sie das Bedürfnis haben, auf jeder Seite irgendeine aktuelle Serie oder ein aktuelles Buch zu erwähnen, damit der Leser sich ja mit dem Charakter identifizieren kann. Wozu?

Ist es zu mühsam einen Charakter aufzubauen, ihn zu beschreiben und ihn durch sein Verhalten dem Leser näher zu bringen? Gerade in Someone New wirft Laura Kneidl mit Fandoms, Serien, Filmen, um sich als gäbe es kein Morgen mehr, damit deutlich unterstrichen wird: Protagonistin Micah ist ein NERD!

Dabei habe ich nichts gegen eine gut gemacht Anspielung auf etwas aus dem echten Leben. Aber eben eine Anspielung. Etwas, das mir als Fan der Serie oder des Liedes auffällt und worüber ich mich freuen kann, es entdeckt zu haben (in Games nennt man das Easter Eggs) – während andere, die damit nicht vertraut sind es zu überlesen. Ständiges erwähnen von Iron Man, Batman, Marvel, DC, Netflix, Stranger Things, Linkin Park, Demi Lovato – die Liste ließe sich bei Someone New sehr lange weiter führen – finde ich dagegen furchtbar nervig. Wo ist da die eigene Kreativität als Autor?

Die Protagonistin

Mit diesem Statement vorweg können wir auf die Charaktere übergehen. Zunächst einmal die Protagonistin, mit der ich partout nicht warm werden konnte. Ich weiß nicht, ob es nur das Fandom-Bingo war, das mich so gestört hat, aber für mich war Micah einfach nicht echt. Sie ist eine junge Frau, die zwischen den starren familiären Traditionen und ihrer eigenen Nerdigkeit und freien Entfaltung als Künstlerin steckt – aber ich konnte ihr weder das eine noch das andere abkaufen. Sie hat auf mich nicht wie eine reiche Tochter gewirkt (gut, sollte sie auch nicht), aber ebenso wenig wie ein Nerd oder ein Künstler.

Hinzukommt, dass sie wirklich unsympathisch ist. Sie mischt sich konstant und vor allem penetrant in die Angelegenheiten anderer ein, hat immer einen Ratschlag parat und zwingt anderen quasi ihre Vorstellung davon, wie die Dinge zu laufen haben auf. Sie findet ihre Nachbarn wären ein super Paar, als zwingt sie sich auf ein Date, was nach hinten los geht, weil die beiden nicht soweit sind.

Aber viel schlimmer fand ich ihren Umgang mit Julian.

Von Anfang an war klar, dass Julian etwas auf der Seele hat. Eine schlimme Vergangenheit, die ihn unheimlich belastet. Dafür zeigt Micah aber nur moderates Verständnis. Fragt ihn zunächst ungeniert aus, bekommt keine Antwort. Als sie ihm schließlich näher kommt, erzählt sie ihn von ihren eigenen Sorgen und hofft dabei, dass die Tatsache, dass sie sich öffnet, ihn dazu bringt dasselbe zu tun. Überraschung: Tut es nicht. Also stellt sie ihn zur Rede. Er verschließt sich mehr. Sie ist verletzt und sieht sich als Opfer, weil ihr niemand vertraut. (?) Das selbe tut sie bei ihrem Bruder, der von den Eltern verstoßen wird, weil er schwul ist.

Diversität statt Qualität

Auf dass ich für diese Überschrift in die Hölle komme. Viele Leser loben die Diversität, die die Charaktere bieten – und ja Unrecht haben sie da auf keinen Fall. LGBTQ+, ein Farbiger, eine vollintegrierte Muslima, eine Teenagerschwangerschaft – Laura Kneidl versammelt sie alle. Und das ist gut und gleichzeitig so schlecht. Eine so breite Palette an sozialen und kulturellen Hintergründen ist lobenswert, aber das alles in EIN Buch zu pressen ist einfach zu viel des Guten, denn es führt dazu, dass diese ganzen von der Idee her interessanten Nebencharaktere eben nichts weiter zu bieten haben, als ihre Diversität. Und das ist schade.

Die Probleme die damit einhergehen, die Geschichten, die dahinterstecken, werden nur angekratzt. Dadurch werden die Charaktere flach und nichtssagend, vor allem weil sie zu allem was Micah tut mehr oder weniger nur Ja und Amen sagen. Ich hab ständig darauf gewartet, dass zumindest Lilly, Teen Mum und ihre langjährige beste Freundin mal auf den Tisch haut und sagt “Görl, so nicht. Reiß dich mal zusammen”, aber nichts da.

Noch dazu erscheint es mir sehr abstrakt, wie all diese Leute in den selben Freundeskreis gehören sollen, da sie auch noch so unterschiedliche Interessen haben, was aber auch daran liegen kann, dass die Charaktere auch hier nur auf eine Sache reduziert werden, sei es nun Foodbloggen oder LARPs.

Mein einziger Lichtblick war Julian, den ich sehr mochte, auch wenn ich partout nicht verstehen kann, was er an Micah fand.

Dazu kommen die Eltern einzelner Charaktere sind, die keinen nennenswerten Zweck erfüllen außer: Sie sind böse, altmodisch und intolerant. Ausnahmslos.

Ich bin kein Fan großer Reihen, aber hier finde ich, wäre eine geniale Basis für eine Art Serie. Den Inhalt eines Bands auf jeweils 1-2 Charaktere zu beschränken und den Hauptfokus auf eben diese zu legen. Davon hätte nämlich auch mein letzter großer Kritikpunkt profitiert.

Wenig Handlung, viel Luft

Das Buch hat über 500 Seiten. Die eigentliche Handlung und “Hauptstory”, findet ihr allerdings grob auf 1-50 und 450-Schluss. Alles andere dazwischen lässt sich unterteilen in:

  • Kaffeetrinken
  • Vorlesung schwänzen
  • Ankratzen des Hintergrunds eines Nebencharakters
  • Micah will die Welt verbessern, hat aber keinen Bock mal bei sich selbst anzufangen

Uff. Wie gesagt, gut zwei Drittel der Handlung sind schlicht und einfach irrelevant und unnötig – und teilweise auch nicht wirklich spannend. Noch dazu sind alle Probleme, die bewältigt werden müssen, darauf zurückzuführen, dass ein Charakter aus teilweise sehr fadenscheinigen Gründen nicht den Mund aufbekommt. Allen voran dabei Micahs Bruder.

Wie gesagt wären die Idee und die Entwürfe der Charaktere eine grandiose Basis für eine etwas längere Reihe mit dafür kürzeren Bänden. 250-350 Seiten. Dafür Handlung, Fokus auf eine Person oder ein Paar. Auf diese Weise behalten wir die Diversität der Charaktere, werden ihnen aber umso mehr gerecht und können uns tiefgehend mit den Problemen der einzelnen Personen befassen.

Fazit

Ich hatte Hoffnungen und wurde enttäuscht. Dass Laura Kneidl schreiben kann, weiß ich und werde ich auch nach wie vor unterschreiben, aber mit Someone New und dem, was sie daraus machen WOLLTE, hat sie sich keinen Gefallen getan. Zuviel des guten. Zu viele Charaktere, deren Hintergründen das Buch nicht gerecht werden kann, zu viele Serienreferenzen und dabei zu wenig Handlung und eine absolut unerträgliche Protagonistin.

Ich kann mich dem Hype leider nicht anschließen und plädiere darauf, dass das Gesamtkonzept als Reihe erheblich besser gewesen wäre.

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